Können Computerspiele bei Senioren und Seniorinnen wirklich zur Vorbeugung von Stürzen beitragen? Was zunächst nach einer eher sonderbaren Idee klingt, ist für viele ältere Menschen tatsächlich eine echte Alternative. Zum Einsatz kommen hierbei so genannte Serious Games – digitale Spiele, bei denen nicht der Unterhaltungsaspekt, sondern Lern- und Trainingseffekte sowie die Motivationsförderung im Vordergrund stehen. Erste Nutzertests zeigen große Akzeptanz bei den Senioren, bringen aber auch deren ganz spezielle Anforderungen ans Licht.

Ungefähr jeder Dritte der Über-65-Jährigen stürzt mindestens einmal im Jahr. Oftmals sind die Stürze mit Verletzungen verbunden und können zur Pflegebedürftigkeit führen. Die Aussicht auf eine einfache Vorbeugung für den Hausgebrauch lässt also aufhorchen.

Neue Studien zur Sturzprophylaxe zeigen, dass bestimmte Computerspiele, sogenannte Exergames, tatsächlich das Sturzrisiko älterer Menschen senken können. Die Rede ist dabei von einer neuen Generation von Computerspielen, die quasi mit dem ganzen Körper gesteuert werden. Besonders beliebt sind dabei Tanzspiele wie z.B. “Dance Dance Revolution”, bei denen auf einer speziellen Matte bestimmte Schritte nachgetanzt und damit ein kleiner Regler auf dem Bildschirm gesteuert werden muss.

Da Menschen mit Sturzangst eher selten in Fitnessstudios gehen um Kraft, Ausdauer, Balance und Beweglichkeit zu trainieren, scheinen Computerspiele eine durchaus praktikable Lösung zu sein. Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich mit 17 Parkison Patienten kam dabei zu sehr guten Ergebnissen. Nach über zehn Wochen Spiel und Spaß auf der Tanzmatte konnte das Sturzrisiko der Kandidaten bei Gehtests tatsächlich gesenkt werden. Clemens Becker, Leiter der Bundesinitiative Sturzprävention und Chefarzt für klinische Geriatrie in Stuttgart, hält dazu fest, dass die Spiele vor allem auch Männer ansprechen, die ansonsten nur schwer für Gymnastik zu begeistern sind.

Forscher der TU Darmstadt führen deshalb zur Zeit gemeinsam mit dem Seniorenheim Emilstraße neue Tests mit einem speziell entwickelten Spiel durch. Hierfür kommt das Balance-Board der Spielkonsole Wii zum Einsatz, eine Art Wippe, die jede Bewegung über eingebaute Sensoren auf den Bildschirm überträgt. Die Testpersonen müssen durch die Verlagerung ihres Gewichtes auf dem Brett eine Kugel steuern und trainieren dabei auf spielerische Weise Gleichgewicht, Kraft und Koordination. „Bei der Konzeption des Spiels war es besonders wichtig darauf zu achten, dass man die Senioren nicht gleich am Anfang überfordert, im Fortschreiten des Spieles aber auch nicht unterfordert“, erklärt Forscher Sandro Hardy. Sonst verlieren die Spielenden schnell die Motivation.

In Gesprächen mit den Teilnehmern der Studie wurden zudem zwei weitere Aspekte deutlich: Für die Senioren muss ein Spiel einen Zweck verfolgen und sinnvoll sein. „Gleich zu Anfang kam die Frage auf, welchen Zweck dieses Spiel denn habe und warum man das Spiel überhaupt spielen solle“, erinnert sich Hardy. Nach einer kurzen Erklärung seien dann aber alle mit Begeisterung und Eifer bei der Sache gewesen. Und: Spiele, bei denen mehrere Mitspieler gleichzeitig beteiligt sind, sprechen die Senioren mehr an als Spiele für Einzelspieler. Denn wichtig ist ihnen neben allem Sinn und Zweck auch der soziale Gesichtspunkt.

Das Fraunhofer Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik in Berlin arbeitet zusammen mit der Charité an einem ähnlichen Projekt. Dabei kommt ein großer Bruder des Steuergerätes Kinect zum Einsatz, bei dem die Bewegungen des gesamten Körpers mit Sensoren erfasst werden. Auch neue Studien aus Israel und den USA kommen zu den gleichen Ergebnissen: ist die Skepsis gegenüber Videospielen bei älteren Menschen auch zunächst groß, sind sie hinterher umso eifriger bei der Sache und messen sich begeistert in verschiedenen Sport- und Geschicklichkeitsspielen, die vor dem Bildschirm einen Ganzkörpereinsatz nötig machen. Manche der Testpersonen waren so begeistert, dass sie jetzt täglich im eigenen Wohnzimmer aktiv sind und gegen ihre Enkel im Skilaufen oder auf dem virtuellen Skateboard antreten.